Liebe Mitglieder des Ro80-Stammtisches Berlin-Brandenburg,
am 12. April 2025 um 11:00 Uhr fand der 6. Technik-Workshop unseres Stammtisches bei Ingrid und Dieter Adomeit in Netzeband, Am Sandkrug 1, statt.
Teilnehmer des Workshops waren:
- Ingrid und Dieter Adomeit
- Eckhard Pohl
- Torsten Wick
- Klaus Podgora
- Harald Köhler
- Oliver Thiel
- Robert Wißmann
- Aksel Wolfram
- Wolfram Saretz
Wir hatten uns diesmal für einen etwas anderen Ablauf des Technik-Workshops entschieden, und zwar beginnend mit einer kleinen Ausfahrt in das schöne Umland von Netzeband, konkret nach Rheinsberg und Binenwalde, also eine ähnliche Tour wie schon im letzten November. Wir waren auch wieder am Rheinsberger Obelisken, einem Heldendenkmal im Park von Schloss Rheinsberg und am Kalksee in Binenwalde. Näheres dazu ist dem Protokoll vom November zu entnehmen.
Zuvor bekamen wir allerdings einen Crash-Kurs in Gewindekunde, vorgetragen von Torsten Wick. Wir haben also einiges über die Festigkeitsklassen von Schrauben gelernt, von Zugfestigkeiten und Streckgrenzen. Wir können jetzt also die Zahlen auf einem Schraubenkopf interpretieren, wenn dort z.B. "8.8" zu finden ist, bedeutet das Folgendes:
- Die erste Zahl steht für die Zugfestigkeit Rm und muß mit 100 N/(mm zum Quadrat) multipliziert werden, eine 8 bedeutet also 800 N/(mm zum Quadrat).
- Die zweite Zahl steht für die Streckgrenze Re, hierbei muss die erste Zahl mit der zweiten Zahl und mit 10 N/(mm zum Quadrat) multipliziert werden, eine 8.8 bedeutet also 640 N/(mm zum Quadrat).
Torsten ging dann noch auf diverse andere Aspekte der Gewinde- und Schraubenkunde ein, die ich hier alle gar nicht aufzählen kann. Vielen Dank nochmal dafür, Torsten!
Nach der Ausfahrt war es aber erstmal Zeit für eine Stärkung mit Dieters berühmter Linsensuppe und Kaffee und Kuchen.
Danach gab es eine Besichtigung des Ersatzteillagers für Ro80 und andere Fahrzeuge von Dieter und Klaus, in dem man sicher fündig wird, wenn man mal was braucht.
Ursprünglich hatten wir vor, den geschredderten Motor von Andreas zu öffnen, aber da Andreas leider nicht teilnehmen konnte, haben wir (erstmal) darauf verzichtet. Es war trotzdem interessant, verschiedene Aspekte der Motorenentwicklung zu betrachten, so ging Dieter in einem kurzen Vortrag auf die unterschiedlichen Adapterplatten zwischen Motor und Getriebe beim Original, beim 871er und beim Umbau auf Ford-V4 ein.
Desweiteren liess es sich Dieter wie immer nicht nehmen, uns einige seiner wunderschönen Autos vorzustellen, teils Neuerwerbungen, teils Rückführungen aus den Niederlanden, die dort zum Verkauf angeboten wurden, aber nicht veräußert werden konnten, was für uns ein Riesen-Glück war (für Dieter wahrscheinlich weniger). Ich möchte nur auf drei Exemplare kurz näher eingehen:
- Da wäre zum Einen ein sehr exquisites Gefährt, und zwar ein Hotchkiss Anjou 2050, ein in der Schweiz restauriertes Juwel. Der Hotchkiss Anjou war ein Luxusauto, das der französische Autohersteller Automobiles Hotchkiss von 1950 bis 1954 angeboten hatte. Insgesamt wurden 5465 Fahrzeuge produziert. Das Auto kam im Herbst 1950 auf den Markt, und im ersten Jahr wurden 1.787 Exemplare produziert. 1951 produzierte das Unternehmen weitere 2.666. Die schwache Wirtschaftslage und die strenge Steuerpolitik der Regierung, insbesondere gegenüber größeren Fahrzeugen, sorgten dafür, dass 1951, zumindest gemessen an der produzierten Stückzahl, das beste Jahr für das Auto war. 1952 wurden 815 Exemplare hergestellt und 1953 nur noch 197. Der Wagen war als 1350er mit einem wassergekühlten Vierzylinder-OHC-Motor mit 2312 ccm und einem oder auf Wunsch zwei Vergaser oder als 2050 mit einem Sechszylinder-OHC-Motor mit 3485 ccm und 100/125 PS (1 oder 2 Vergaser) lieferbar. Mit zwei Vergasern war er bis zu 145 km/h schnell. Beide Autos wurden mit sogenanntem "klassischen" Viergang-Schaltgetriebe angeboten, aber sie waren auch mit einem optionalen elektromagnetischen Cotal-Getriebe erhältlich, das von einigen als Vorläufer moderner Automatikgetriebesysteme angesehen wird und das sich auch aufgrund seiner vier Vorwärts- und vier Rückwärtsgänge jederzeit von der Menge abgehoben hat. Ein Cotal- oder Vorwählgetriebe ist ein Handschaltgetriebe, bei dem der gewünschte Gang mit einem Schalthebel zunächst vorgewählt und dann bei Betätigung eines weiteren Bedienelementes, zum Beispiel eines Pedals, eingerückt wird, ohne dass gleichzeitig ein Kupplungspedal getreten werden muss. Die Kupplung wird nur zum Anfahren benötigt.
- Zum Zweiten war ein Aston Martin Lagonda zu bestaunen, also eine viertürige Limousine von Aston Martin, ein nicht minder exquisites Fahrzeug. 1969 ließ sich David Brown eine viertürige Limousine auf der Basis des DBS herstellen. Das war eine Karosserieversion, die im Design-Konzept von William Towns schon von Anfang an angelegt war. Das Fahrzeug wurde als Lagonda DBS V8 bezeichnet. Das Auto war bereits mit dem 5.3-Liter-Achtzylinder des DBS mit 283 PS (im DBS 350 PS) ausgestattet. Es blieb zunächst ein Einzelstück, bis 1974 das neue Aston-Martin-Management die Serienproduktion der Limousine aufnahm. Das Fahrzeug – nunmehr mit der Frontpartie des Aston Martin V8 – wurde unter dem Namen Aston Martin Lagonda verkauft. Der erste Aston Martin Lagonda war technisch eine viertürige Version des Aston Martin DBS. Während sich der DBS und sein Nachfolger, der nahezu baugleiche Aston Martin V8, in den frühen 1970er-Jahren erfolgreich entwickelten, stockte der Verkauf der Lagonda-Limousine, die bis 1975 insgesamt nur siebenmal gefertigt wurde. Die Limousine wird im englischen Sprachraum oft als The 4-Door V8 bezeichnet; die interne Entwicklungsbezeichnung lautet „EP230“. Der Motor, die Technik und auch das Basisdesign entsprachen dem des seit 1969 angebotenen DBS bzw. des V8 Series 3; allerdings war der Radstand um 30,5 Zentimeter verlängert und das Dach deutlich höher. Die hintere Dachlinie war ebenfalls neu. Der 5.3-Liter-Alu-DOHC-V8 mit vier Weber-Doppel-Fallstromvergasern (Typ 42 DNCF) wurde nicht wie im DBS mit einem 5-Gang-Schaltgetriebe von ZF kombiniert, sondern mit einer müden Borg Warner 3-Gang-Automatik. Das war natürlich der Tatsache geschuldet, dass man hoffte, den Wagen hauptsächlich in den USA zu verkaufen. Während die Vorderräder klassisch an Querlenkern geführt werden, wurde hinten eine aufwändige De-Dion-Achse verbaut. Die Automobilpresse kam nach Testfahrten mit dem ersten Aston Martin Lagonda zu zurückhaltenden Bewertungen. Das Handling, der Fahrkomfort sowie das Geräuschniveau des Motors und der Karosserie wurden bemängelt. Vor allem aber waren die Fahrleistungen in der Kritik. Das tragische Schicksal dieser exklusiven Limousine war nicht nur, dass sie immer im Schatten des DBS stand, sondern dass viele Exemplare im Alter als Ersatzteilspender für die viel höher gehandelten DBS herhalten mussten, da viele Teile gleich waren.
- Als Drittes wäre ein Lancia Coupe zu erwähnen, welches sich in einem außergewöhnlichen Zustand präsentierte. Auch dieses Fahrzeug kam aus Holland zurück, da sich kein Käufer fand. Ich meine, es war ein Fulvia Sport, kann mich aber nicht so genau erinnern. Er ist mit einem kleinen V4-Motor ausgerüstet. Die Vorderräder werden oben an einer Querblattfeder geführt und gefedert. Die starre Hinterachse wird durch einen Panhard-Stab exakt geführt.
Der Tag hat uns allen wieder viel Freude bereitet und viel Erkenntnis gebracht. Ich möchte mich im Namen aller Teilnehmenden ganz herzlich bei unseren Gastgebern Ingrid und Dieter Adomeit bedanken. Netzeband ist eben immer eine Reise wert!
Weiterhin möchte ich auf unseren nächsten Regeltermin schon nächste Woche, am 24. April 2025 um 18:00 Uhr, jetzt wieder im Ristorante "Castagno" in Stahnsdorf, Wannseestr. 4, hinweisen. Wie ihr wisst, die Oldtimer-Saison beginnt und wir wollen uns vornehmlich darüber unterhalten, wie und wo wir uns als Ro80-Club und Stammtisch Berlin-Brandenburg präsentieren. Ein weiteres Thema wird unsere Ausfahrt nach Leipzig im Juni sein; Joachim wird teilnehmen können, so können wir alles besprechen. Das Separee des Preußischen Landwirtshaus in der Flatowallee 23 war leider ausgebucht, im Juni werden wir uns aber wieder dort am Olympia-Stadion treffen.
Hier nochmal wie immer eine Auflistung der kommenden Termine:
- Am 27. April 2025 um 11:00 Uhr findet wie jeden letzten Sonntag im Monat das Oldtimertreffen am Olympiastadion, 14053 Berlin, Olympischer Platz 3 statt.
- 1. Mai 2025, 10:00 bis 17:00 Uhr, Tag der Offenen Tür / Oldtimertreffen,14641 Wustermark, Hauptstraße 10, Historische Kraftwagenhalle
- Das Frühjahrstreffen mit Jahreshauptversammlung findet vom 01. - 04. Mai 2025 im Raum Mannheim/Heidelberg statt, bitte auf den Club-Seiten informieren und ggf. anmelden!
- In der Zitadelle Spandau werden am 03. und 04. Mai 2025 wie jedes Jahr Oldtimer präsentiert.
- Die Classic Days Berlin am Kurfürstendamm finden vom 10. bis 11. Mai 2025 statt.
- Die Klassikwelt Bodensee findet vom 16. - 18. Mai 2025 statt.
- Das Internationale NSU-Treffen in Cavallino bei Venedig findet vom 22. - 25. Mai 2025 statt, bitte auf den Club-Seiten informieren und ggf. anmelden!
- Die Werder Classics finden am 17. und 18. Mai 2025 statt, diesmal in 14542 Werder Havel OT Plötzin, Lehniner Chaussee 19
- Die Oldtimer-Show in Linthe findet vom 08. bis 09. Juni 2025 (Pfingsten) statt.
- Wir haben uns auf das Wochenende um den Sommeranfang (20. bis 22./23. Juni 2025) für unsere mehrtägige Ausfahrt nach Leipzig entschieden. Das Programm wird rechtzeitig bekanntgegeben.
- Die 18. Potsdam Classic findet vom 02. bis 03. August 2025 statt - mit Übernachtung im FARMER Hotel in Basedow.
- Das Lagerfest Pattendorf findet am 23. August 2025 statt, bitte auf den Club-Seiten informieren!
- Am 13. September 2025 wird 100 Jahre Buckower Dreiecksrennen gefeiert. Es wird ein großes Programm geben, Organisator ist Lars Kagel: 0176 43019924. Nach meiner Kenntnis ist dieses Event bereits komplett ausgebucht!
- Die sechste Auflage vom Klassiker im Kloster findet am 13. und 14. September 2025 in Lehnin statt.
- Das Herbsttreffen des Clubs findet vom 2. bis 5. Oktober 2025 in Leipzig statt, bitte auf den Club-Seiten informieren!
- Viele von Euch haben sich sicher von der abenteuerlichen Reise unserer Clubleitung nach Marokko inspirieren lassen. Man muss das ja nicht gleich kopieren, aber so etwas Ähnliches könnten wir als Stammtisch doch auch mal auf die Beine stellen. Möglich wären so Ziele in Südeuropa wie Kroatien oder Montenegro. Das Interesse ist da, aber realistisch ist das für das Jahr 2025 nicht mehr. Wir sollten uns das für 2026 vornehmen !!!
Dies ist wie immer nur eine kleine Auswahl; im Internet könnt ihr euch über weitere Oldtimer-Aktivitäten informieren.
So, jetzt wünsche ich euch erstmal ein schönes und geruhsames Osterfest!
Seid bis nächste Woche gegrüßt und bleibt gesund !
Wolfram
Liebe Freunde der rotierenden Kolben,
hier nun ein kleiner Bericht von unserer Stammtisch-Ausfahrt nach Hessisch-Oldendorf (Sammlung Grundmann) und Einbeck (PS-Speicher) und für einige noch nach Alfeld zu den FAGUS-Werken (UNESCO-Welterbe) vom 17. bis 20. Juli 2026 mit fünf Ro80 und einem Nicht-Ro80 (immerhin ein Audi, das nächste Mal aber mit Ro80, lieber Til).
Haupt-Teilnehmer waren (neben einigen Tagesgästen):
Am 17. Juli trafen wir uns am späten Nachmittag in der Weinschänke Rohdental, wo wir uns gegen Abend ein opulentes Mahl zugute kommen liessen und danach dort übernachteten.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück fuhren wir nach Hessisch-Oldendorf zur einzigartigen VW-Oldtimer-Sammlung Grundmann, wo wir an einer angemeldeten Führung teilnahmen. Wie fängt man einen Text über die exzellente Sammlung Grundmann an? Vielleicht zunächst mit der Feststellung, dass es sich nicht um ein Museum handelt, denn feste Öffnungszeiten und Eintrittspreise gibt es nicht. Und eigentlich ist sie auch nicht nur eine reine Volkswagensammlung, schon weil sie durch eine einzigartige Kollektion von Autos der einstigen Berliner Firma Rometsch ergänzt wird. Also eher eine aus zwei Teilen bestehende Sammlung, deren gemeinsamer Nenner frühe Volkswagen sind. Es ist erstaunlich, welche Fundstücke Traugott Grundmann und sein Sohn Christian in den letzten Jahrzehnten zusammengetragen und selbst restauriert haben. Sorgsam zeitgenössisch dekoriert, haben die über 80 Autos in mehreren Hallen in einer kleinen Stadt des Weserberglandes eine neue Heimat gefunden. Und wer - wie wir - das Glück hat, von Traugott Grundmann persönlich empfangen zu werden, taucht mit ihm tief in die deutsche Automobilhistorie und die Seele des Volkswagens ein. Und nicht zuletzt sind es die Details der äußerst seltenen Exponate, die faszinieren. Dem Sammlungsgründer ist daher zuzustimmen, wenn er beiläufig anmerkt, dass man hier gut und gerne einen ganzen Tag zubringen könne.
Der Rundgang startet mit der Firma Rometsch, der die "Grundmänner" eine eigene Halle gewidmet haben. Sie beherbergt die weltgrößte Sammlung dieser seltenen Autos. Dazu einige Fakten: Friedrich Rometsch, der zuvor bei der renommierten Firma Erdmann & Rossi tätig gewesen war, gründete im Jahr 1924 seine eigene Karosseriebaufirma, die bis zur Jahrtausendwende aktiv war. In dieser Zeit wurden außer Karosseriereparaturen für die unterschiedlichsten Auftraggeber Sonderaufbauten gefertigt und nebenbei schon 1942 erstmals in Deutschland elektrische Fensterheber konstruiert. Berühmt wurde Rometsch in den 1950er Jahren als Hersteller sportlich-eleganter Autos auf Käferfahrgestellen, nämlich mit den Modellen Beeskow und Lawrence. Johannes Beeskow, nach heutigem Sprachgebrauch der Designer des nach ihm benannten Modells, war wie Rometsch bei Erdmann & Rossi beschäftigt gewesen.
Grundmann sen. hatte zu Rometsch und Beeskow guten persönlichen Kontakt und kann daher aus erster Hand berichten, wie es zu deren Zusammenarbeit kam, doch das dürfte hier zu weit führen. Jedenfalls fanden die formschönen Autos auf der Basis des Käfers in den 1950er Jahren sowohl als Coupé als auch als Cabrio bei der Prominenz, auch in den USA, Anklang. Prominente Besitzer eines Rometsch Beeskow waren Viktor de Kowa, Audrey Hepburn, Gregory Peck und Aenne Burda. Die Autos der beiden Letztgenannten befinden sich in der Grundmann-Sammlung. Und im ARD-Zweiteiler "Aenne Burda: Die Wirtschaftswunderfrau" (mit Katharina Wackernagel in der Hauptrolle) waren Fahrzeuge aus der Grundmann-Kollektion zu sehen. Anfangs bezog Rometsch die Käferfahrgestelle für seine Autos noch beim lokalen Volkswagenhändler. Doch mit wachsendem Erfolg des Beeskow missfiel dies dem Werk, schon wegen der Konkurrenz mit dem Eigenprodukt VW Karmann-Ghia, weshalb Wolfsburg einen Lieferboykott gegen Rometsch verhängte. Der damalige VW-Chef Nordhoff soll konstatiert haben, "Volkswagen ist eine Automobilfabrik und keine Chassisfabrik".
Für Rometsch war dies aber kein ernsthaftes Problem, da er sich nun Neufahrzeuge über Dritte besorgte oder seine Kunden bei ihm gleich ihren neuen Käfer zur Weiterverarbeitung abgaben. So hatte Rometsch die benötigten Fahrgestelle, doch die Karosserien waren übrig. Dazu zeigt Grundmann sen. ein von der Firma Rometsch aufgegebenes Zeitungsinserat mit dem Text: "Einige fabrikneue VW-Serien-Export-Karosserien Mod. 54, letzte Ausführung, preisgünstig abzugeben". Dem Zeitgeist entsprechend, und wohl auch im Hinblick auf die US-Kundschaft, präsentierte Rometsch ab 1957 einen "amerikanisierten" Nachfolger des Beeskow, nämlich das Modell Lawrence mit Panoramascheibe. Doch 1961 endete die Automobilproduktion abrupt. Nicht aber mangels Nachfrage, sondern durch den Bau der Berliner Mauer. Der überwiegende Teil der Rometsch-Karosseriebauer stammte nämlich aus dem Ost-Berlin und stand somit plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Etwas ungewohnt mutet eine weitere frühe Kreation von Rometsch an: Die viertürige(!) Version des Käfers von 1952 auf verlängertem Chassis, welche in Berlin als Taxi eingesetzt wurde. Es ist das einzige in Europa erhaltene Exemplar.
In den Jahren 1951 bis 1953 entstanden bei Rometsch rund 30 solcher Taxis, später wurden bei Messerschmitt in Frankfurt noch weitere gebaut. Nette Anekdote am Rande: Das Dach des ausgestellten Käfertaxis zieren zwei Lampen, auf deren gelben Streuscheiben "Taxi" zu lesen ist. "Die Berliner nannten die Hungerlichter" weiß Grundmann zu berichten, denn: "Waren die Lichter eingeschaltet, stand das Taxi und der Fahrer konnte nichts verdienen". Automobilhistorisch bemerkenswert ist die Entstehungsgeschichte eines auf Rometsch zurückgehenden markanten Stilmerkmals, nämlich der Lanzette oder "Radpfeife" oberhalb der vorderen Radausschnitte. Diese gab es nämlich zuerst beim Beeskow und erst später bei den Mercedes SL-Typen der 1950er Jahre. "Sie verdanken ihre Entstehung allein dem Umstand, dass der TÜV nicht akzeptierte, dass die Räder aus der Karosserie ragten" klärt Grundmann auf. Und er berichtet auch, dass die Firma Rometsch unter strengster Diskretion Umbauten für den damaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker fertigte, so zum Beispiel dessen Jagdwagen. Die "Rometsch-Halle" ist ansprechend mit einschlägigem Originalmaterial ausgestattet. Hierzu zählen der Schreibtisch des Firmenchefs und das originale Zeichenbrett mit Skizzen des Lawrence. Die Sammlung Grundmann verfügt ferner über die originale Werkstatteinrichtung von Rometsch sowie die Formen, auf denen die Karosseriebleche einst gedengelt wurden.
Alle ausgestellten Wagen von Rometsch sind entweder im exzellenten Originalzustand oder von den "Grundmännern" perfekt restauriert worden. So wundert es den Besucher nicht wirklich, dass das Beeskow Coupé von 1951 im letzten Jahr beim Concours d´Elegance in Amelia Island, Florida in seiner Klasse den ersten Preis gewonnen hat. In dieser Liga dürfte auch ein weiteres seltenes Exponat spielen, welches in einer anderen Abteilung ausgestellt ist: der Denzel 1300 von 1957, welcher sich in der Nachbarschaft einer Phalanx von Porsche Vierzylinder-Modellen befindet. Der mit einer knapp sitzenden Alukarosserie versehene Zweisitzer ist mit seinen 52 PS seinerzeit ein echter Sportwagen gewesen. Er ist perfekt proportioniert und erinnert etwas an den Porsche 550 Spyder. Manche Leser werden mit dem Namen Denzel vielleicht eher den BMW 700 assoziieren, denn der Österreicher hatte in Zusammenarbeit mit Michelotti jenen Kleinwagen initiiert, welcher die Zeit bis zum Erscheinen der "Neuen Klasse" von BMW rettend überbrückte. Das Spektrum der soeben erwähnten Porsche beginnt bei einem makellosen 356 Pre A -Coupé mit geteilter Frontscheibe von 1950, prämiert bei den Schloss Dyck Masterpieces 2019.
Eine weitere geräumige Halle enthält eigentlich alles Wesentliche zur Geschichte des VW Käfers. Wer hier automobile Grundlagenforschung betreiben will, wird fündig. Egal, ob Käfer, Bulli T1, Kübel- oder Schwimmwagen- jedes Exponat hat eine Geschichte zu erzählen. Am bekanntesten ist wohl der bei Porsche handgefertigte Prototyp Nr. 6 des Brezelkäfers von 1938, den die "Grundmänner" in Litauen ("in der Nähe des früheren Königsberg") als Wrack ausfindig machten und erwarben. Wer den heutigen Zustand mit den Bildern vom Fundzustand des Autos abgleicht, kann ermessen, wie viel Arbeit und Sorgfalt in den Wiederaufbau geflossen sein müssen. Dies wurde mit dem Gewinn des Goldenen Klassik Lenkrads 2012 einer bekannten Oldtimerzeitschrift für die "Restaurierung des Jahres" belohnt. Auch der Grundstein der Sammlung hat hier einen Ehrenplatz gefunden: Es ist ein Käfercabrio von 1957, welches Traugott Grundmann während seiner Zeit als Pilotenausbilder in den USA entdeckte und restaurierte. Und sodann - nach einer Tour von 6000 km quer durch die USA - mitbrachte. In dieser Abteilung steht ein Prototyp des Kübelwagens neben einem Käfer, der einst auf den NS-Ideologen Alfred Rosenberg zugelassen war, und gegenüber ist ein Volkswagenderivat zu sehen, welches als Schleppfahrzeug für Jagdflugzeuge eingesetzt wurde. Auch ein erstaunlich modern wirkender Wohnwagen, vor den der KdF-Wagen gespannt werden sollte, findet sich.
Ferner sind diverse Volkswagen zu sehen, die nach Kriegsende für das britische Militär zusammengebaut wurden - darunter einer speziell für das weibliche Militärpersonal. Und immer wieder entdeckt man interessante Details. So fällt etwa auf, dass einem Käfer der ganz frühen Nachkriegsproduktion aus Materialmangel die Scheinwerfer des Kübelwagens eingesetzt wurden. Mehrere Varianten eines offenen Käfer-Polizeiwagens der Nachkriegszeit finden sich ebenfalls. Und auch für Freunde des T1 gibt es viel zu entdecken: Etwa den älteste VW-Kombi der Welt von 1950, einen Sambabus von 1954 oder der älteste als Radiostation ausgebaute Bulli. Natürlich fehlt auch eine Reihe von Karmann-Ghias nicht. Neben mehreren des Typs 14 auch ein Prototyp des Typ 34 Cabrios, übrigens das letzte Projekt, an dem Johannes Beeskow beteiligt war, der seine berufliche Laufbahn als technischer Leiter bei Karmann beendete. Von diesem Auto waren bereits Verkaufsprospekte gedruckt. "Doch es ging nie in Serie, weil GM wegen der Ähnlichkeit mit dem Chevrolet Corvair Cabrio mit rechtlichen Schritten drohte" kommentiert der Sammler Grundmann.
Die Ausstellung umfasst auch ganz sportliche Volkswagen, neben einem Vertreter der Formel V etwa einen Käfer, der von 1973 bis 2014 ausschließlich als Rennfahrzeug unterwegs war. Natürlich darf in einer derartigen Sammlung auch kein Hebmüller-Cabrio fehlen. Ausgestellt ist das älteste noch erhaltene Exemplar Baujahr 1949 in schwarz-rot, die Nr. 5 von einst 696 gebauten Cabrios. Davor steht ein weiterer Leckerbissen, ein Cabriolet der Stuttgarter Firma Dannenhauer & Stauss von 1956. Das formschöne, von vorne etwas an den Porsche 356 erinnernde Auto ist eines von nur knapp 100 gefertigten Fahrzeugen, natürlich auf Käferbasis. Nach einem kurzen Blick auf einen Käfer 1303, der einst Götz George ("Horst Schimanski") gehörte, stehen wir am Ende des Rundgangs plötzlich in einem kleinen amerikanischen Diner und werden von Herbie, dem "tollen Käfer" mit der Nr. 53 und dem kalifornischen Nummernschild OFP 857, bekannt aus diversen Disney- Produktionen, verabschiedet. Natürlich ist auch das eines der 26 Originalfahrzeuge, die für Filmaufnahmen benutzt wurden.
Dann wurde es Zeit, sich zu verabschieden und bei Traugott und Christian Grundmann für die lehrreiche Führung durch die einmalige Sammlung zu bedanken. Hier würde man sich tatsächlich gerne einmal einen ganzen Tag aufhalten...
Danach ging es weiter entlang der Weser Richtung Holzminden, mit Abstechern und einer Fährüberfahrt. Wir hatten ja Zeit und rasten nicht. Die Übernachtung fand im Hotel Buntrock in Holzminden statt.
Am nächsten Morgen nach dem Frühstück ging es weiter auf kleinen Landstrassen durch den Naturpark Solling nach Einbeck zum PS-Speicher. Der in Eigenschreibweise PS.Speicher geschriebene ist tatsächlich Europas grösstes Oldtimer- und Erlebnismuseum.
Zuerst besuchten wir die sog. Schatzkammer, zumindesr diejenigen, die Eintrittskarten reserviert hatten. Seit über zwanzig Jahren bewahren einige Sammler ihre Fahrzeuge in einer Halle im Gebäude der heutigen Sammlung Motorrad des PS.SPEICHER in der Bismarckstraße gesichert auf. Seit 2023 machen sie diese Sammlung probeweise öffentlich zugänglich. Aktuell reiht sich neben die Marken Horch und Mercedes-Benz auch die Marke Maybach. Neben der Erlebnisausstellung im PS.SPEICHER und seinen fünf Sammlungen, stellt die SCHATZKAMMER den exklusivsten Meilenstein dar. In der neuen Ausstellung können Besucherinnen und Besucher historische und moderne Traumautos bestaunen, die in dieser Zusammenstellung einmalig sind. „Automobilbegeisterte können hier Fahrzeuge erleben, die sonst oftmals hinter verschlossenen Türen stehen. Eine so hochkarätige Sammlung zeigen zu können, freut uns für unsere Besucherinnen und Besucher.“, heisst es im Prospekt des Vorstands der STIFTUNG PS.SPEICHER. Zudem möchte der PS.SPEICHER seine SCHATZKAMMER in regelmäßigen Abständen um weitere Leihgaben anderer Sammler erweitern.
In dem historischen Gebäude lagerte einst Korn, heute sind im Einbecker PS.Speicher Zweiräder und Autos zu bestaunen. Mitmachstationen vermitteln die Geschichte der Mobilität auf lebendige Weise. Die Ausstellung zeigt mehr als 2.500 Exponate an insgesamt fünf Standorten in Einbeck. Neben der Hauptausstellung im historischen Kornspeicher zählen vier Depots zum PS.Speicher - eins für Lkw und Busse, für Kleinwagen, für Motorräder und für Automobile. Mit insgesamt 22.000 Quadratmetern Fläche ist der PS.Speicher das größte Oldtimer-Museum Europas. Zu sehen sind viele Raritäten. Darunter sind historische Fahrräder, Autos und Motorräder aus den Anfängen der Motorisierung, aber auch moderne Modelle. Zur Sammlung zählen so exklusive Stücke wie das erste Motorrad von Hersteller Hildebrand & Wolfmüller, der sich den Begriff Motorrad schützen ließ. Das Gefährt aus dem Jahr 1894 hat nur 2,5 PS und kam auf eine Höchstgeschwindigkeit von 40 Kilometern pro Stunde.
Interessant war auch die Gegenüberstellung von DKW F91 Sonderklasse-Cabriolet und dem zeitgleich gebauten Pendant IFA F9 aus der DDR.
Für viele war die Ausfahrt nach dem Besuch des PS.Speichers beendet und wir nahmen tränenreichen Abschied. Einige Unverdrossene (Eckhard, Joachim, Aksel und Wolfram) hingen allerdings noch einen Tag dran. Nach einer Übernachtung im Panorama-Hotel und opulentem Frühstück am Montag-Morgen ging es nach Alfeld zum Besuch der Fagus-Werke, einem UNESCO-Welterbe.
Das ab 1911 erbaute Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld zählt international zu den frühesten Beispielen moderner Architektur. Es ist das erste Fabrikgebäude, das der spätere Bauhaus-Gründer Walter Gropius – gemeinsam mit Adolf Meyer – realisiert hat. Bis heute werden seiner ursprünglichen Aufgabe folgend Schuhleisten im Fagus-Werk produziert. Fagus heisst aus dem Lateinischen übersetzt übrigens Buche bzw. Rotbuche, der Baum aus dessen Holz die Schuhleisten produziert werden.
Beauftragt wurde der damals noch unbekannte junge Architekt Gropius vom Fabrikgründer Carl Benscheidt. Er arbeitete zwar bereits mit dem erfahrenen Industriebau-Architekten Eduard Werner zusammen, dessen funktional stimmiger Entwurf für das Fagus-Werk ihm aber zu wenig zeitgemäß erschien. Gropius und Meyer überarbeiteten den bereits eingereichten und bewilligten Bauantrag von Werner hinsichtlich des äußeren Erscheinungsbildes. Benscheidt zeigte sich derart überzeugt davon, dass er für den weiteren Ausbau des Werks ganz auf das Büro Gropius setzen sollte.
Im Mittelpunkt des Ensembles steht das sogenannte Hauptgebäude mit seiner markanten großflächigen Glasfassade, die sich über drei Geschosse erstreckt. Der Bau kommt in den Eckbereichen, an denen zwei Glasbahnen aufeinandertreffen, ohne jede Stütze aus: ein absolutes Novum zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Möglich war das durch eine unsichtbar im Dachbereich der Ecke eingefügte Stahlverstärkung in dem ansonsten konventionell in Backsteinmauerwerk errichteten Gebäude.
Nicht nur das Hauptgebäude, das überwiegend Büros enthält, sondern auch die eingeschossige Werkshalle stellt sich als lichtdurchfluteter Arbeitsraum dar. Sowohl Benscheidt als aufgeklärter Fabrikherr als auch Gropius als sozial interessierter Architekt setzten sich für eine menschenfreundliche Arbeitsumgebung ein, die zu dieser Zeit alles andere als selbstverständlich war. Glas wird in der Folge für Gropius zum verheißungsvollen Baustoff einer neuen Zeit, sowohl in architektonischer als auch gesellschaftlicher Hinsicht. Seinen Höhepunkt in der Anwendung wird dieses Material im Werk von Gropius mit dem Dessauer Bauhausgebäude finden.
Seit 2011 zählt der aufwendig sanierte und modernisierte Gebäudekomplex zum UNESCO-Welterbe. Das Fagus-Werk ist die weltweit einzige Welterbestätte, in der bis heute produziert wird. Es ist täglich für Besucher geöffnet und bietet Führungen sowie Ausstellungen im firmeneigenen Besucherzentrum an.
Mit diesem Besuch ging aber auch für uns Unverdrossene die Ausfahrt zu Ende und wir machten uns mit drei Ro80 wieder Richtung Berlin und Leipzig auf den Weg.
Ich denke, es waren wieder für uns alle unvergesslich erlebnisreiche Tage und wir danken unserem Joachim für die grossartige Organisation der Reise.
Bis zum nächsten Mal
Euer Wolfram